30. Januar 2012

Downshifting - Legenden vom Kürzertreten

Psychologen vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit haben in einer Studie mithilfe funktioneller Magnetresonanztomographie herausgefunden, dass die Gehirne von uns Stadtmenschen Strukturen im limbischen System und der Amygdala ausbilden, die uns anfälliger für Stress machen. Depressionen und Angststörungen seien bei Stadtmenschen häufiger und wer auch in einer Stadt geboren und aufgewachsen ist, hat ein höheres Risiko, an Schizophrenie zu erkranken. Wir haben es doch immer schon geahnt: Unser Leben stresst uns und macht krank. Raus aufs Land, weniger arbeiten und mehr lesen - das ist für die meisten leider keine Alternative.

Auf dem vorläufigen Höhepunkt der westlichen Wirtschaftskrisen und in Verbindung mit Stress und Burnouts sind Lebenskonzepte wie Downshifting, Aussteigen und Minimalismus in Mode gekommen. Die Mainstream-Medien greifen diese Themen auf, Landlust ist beispielsweise eines der erfolgreichsten Magazine in Deutschland und auch bei IKEA findet man den Minimalismus schon im Katalog. Neu sind diese Ideen ja nicht: Henry David Thoreau ist ein frühes Beispiel vom Aussteigen aus der westlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert. In der Zwischenzeit waren Aussteiger entweder durchgeknallte und kiffende Hippies, arbeitsscheue Landstreicher oder dem Tod geweihte Natur-Freaks (Christopher McCandless). Nun wird uns immer mehr klar, dass diese Leute vom Rand der Gesellschaft etwas begriffen haben, dass die meisten von uns erst verstehen, wenn sie flach atmend auf dem Bürostuhl zusammensacken und mit Blaulicht davongefahren werden: Es gibt mehr, als Arbeit, Macht und Besitz. Zum Beispiel Zeit, Liebe und Lebensfreude.

Die Legende vom Ausstieg
Also: Arbeit niederlegen und das Leben genießen? Ich glaube nicht, dass das eine Alternative ist, die viele von uns haben. Weltweit betrachtet geht der Trend weiter in Richtung Urbanisierung und Lohnarbeit. Und auch in Deutschland und anderen westlichen Ländern können sich die meisten nicht ganz frei aussuchen, ob sie weniger oder mehr arbeiten. Mich stört an diesen Debatten um das Downshifting und Kürzertreten, dass sie an der Realität der meisten Menschen vorbei gehen. Zum Beispiel las ich im Magazin Elle von einer Anwältin, die irgendwann im Beruf ausbrannte, zusammenbrach und dann entschied, ein anderes Leben zu führen, mehr zu Hause zu sein, zu reisen und sich um die Familie zu kümmern. Anders gesagt: Man muss es sich erst einmal leisten können, einen Gang runter zu schalten. Wer eine Weile so um die Hunderttausend Euro pro Jahr verdient, der kann sicher irgendwann, wenn die Kinder aus dem Haus sind und die Hauskredite abbezahlt sind, runterschalten und halbtags arbeiten. Bei den meisten von uns wird es aber eher so sein, dass sie schön arbeiten gehen, bis sie 67 sind. Denn vorher aussteigen, hieße, nicht so weiter leben zu können, wie man es gewohnt ist. Nun ließe sich leicht sagen, dass man eben auf Dinge verzichten müsse, wenn man weniger Stress will. Aber ist das realistisch? Für viele hieße das, das Haus aufzugeben, in dem sie bereits lange wohnen oder kein Auto mehr zu fahren und dadurch nicht mehr am normalen Leben mit Einkauf, Pfandflaschen wegbringen und der Fahrt zu Freunden teilhaben zu können. Manche von uns können sich erst gar kein Haus oder Auto leisten, sondern bringen gerade so die Miete und das Geld für die Nahrungsmittel auf. Woraus will man da noch aussteigen?

Radikal oder gar nicht
Wohlgemerkt: Ich sage nicht, dass es nicht möglich sei, sondern dass es für die meisten schwer wäre, diesen Weg zu gehen, weil ihre Realitäten aus Zwängen bestehen, die nur noch durch Radikalität zu sprengen sind. Und da sind wir an dem entscheidenden Punkt: Aussteigen und kürzer treten kann nur, wer radikale Entscheidungen treffen kann. Und damit meine ich nicht die Studenten, die plötzlich den Minimalismus für sich entdecken. Das ist zwar lobenswert, aber nicht schwer. Psychologisch schwer und für die meisten praktisch kaum noch zu vertreten, sind solche Veränderungen, wenn man Verantwortung für andere hat. Man muss sich das überlegen, bevor man den ganzen bürgerlichen Quatsch mit Haus und Nachwuchs anfängt. Sind wir erst einmal in einem Lebensumfeld von Karriere, Kindern, Freunden, Besitz und Gewohnheiten, dann wird aussteigen schwer. Denn es hieße, mit seinem Lebensumfeld zu brechen und sich den Zorn und das Unverständnis der Gesellschaft (verlassene Ehepartner, Kinder, Eltern und Freunde) zuzuziehen.

Besetzes Haus im Berlin der 90er Jahre

Im Berlin der 90er Jahre hatte ich einige Bekannte und Freunde, die sich von Anfang an trauten, einen anderen Weg zu gehen: Mit und ohne Kinder ein Leben ohne viel Lohnarbeit, dafür mit mehr Eingebundensein in Kommunen, Künstlergruppen und besetzte Häuser. Aber auch das ist nicht einfach und nachhaltig für die Einzelnen und erst gar kein Rezept für die Massen. Einzelne werden vorübergehend immer einen individuellen Weg finden können. Dabei gehen sie das Risiko ein, abseits von der Gesellschaft und fern von eigenen Ansprüchen an sich selbst zu scheitern. Andererseits haben sie die Chance, aktiv und bewusst ein außergewöhnliches Leben zu führen. Was ist aber mit uns als Durchschnitt der Gesellschaft? Letztlich zählen wir, denn solange Downshifting oder alternative Lebensformen Randphänomene sind, solange wird sich in unserer Welt nichts ändern.

Welche Alternativen haben wir als Gesellschaft?
Es hilft uns nur ein gesamt-gesellschaftlicher Ansatz. Insofern haben wir Grund zur Hoffnung, denn Ideen wie Minimalismus, das bedingungslose Grundeinkommen, die Diskussionen um Burnout und Depression, die politisch bereits auf den Weg gebrachten Rahmenbedingungen zu Eltern- und flexibler Arbeitszeit, der Bundesfreiwilligendienst und die durch solche Ansätze insgesamt wachsende Akzeptanz von alternativen Lebenskonzepten können langfristig die gesellschaftlichen Normen verändern. Interessant ist, dass sich diese Normen unfreiwillig schon über die kapitalistische Krise relativieren, in der wir uns befinden. Menschen finden gezwungenermaßen zu neuen Konzepten. Wenn Karrieren nicht möglich sind oder der Sex-Appeal von Bankern im Keller ist, dann einigt man sich eben auf andere Werte. Der Papa, der sich statt seiner Karriere nun der Kindererziehung widmet, ist inzwischen ehrbar. Ist doch gut! Vielleicht schaffen wir es, statt der ganzen individualistischen Versuche, zu einem gesamtgesellschaftlichen Minimalismus zu finden. Der bestünde darin, dass wir uns gesellschaftlich nach und nach auf ein paar Prinzipien einigen, die das Sein dem Haben gegenüber erheben. Zum Beispiel könnten wir erkennen, dass Wachstum nur dann wertvoll ist, wenn es nicht auf Kosten anderer und der Natur geschieht. Wir müssten den Zugang zu Ressourcen priorisieren und den Besitz von Ressourcen als Ursache von Verschwendung und Verschmutzung zurückfahren. Zeit, die Mitmenschen und die Welt zu erleben, könnte einen höheren Wert erlangen, als Geld für Konsumgüter zu erwirtschaften.

Das alles sind keine revolutionären oder schwer zu erkennenden Ideen. Sie sind unter uns, überall. Was sind eure Ideen? Wie wollt ihr euer Leben führen? Welche Zwänge gibt es in eurem Leben und wie wollt ihr damit umgehen? Ich freue mich auf eine Diskussion in den Kommentaren!



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29. Januar 2012

Neuer Newsletter bei Geist und Gegenwart

Seit dieser Woche habe ich einen neuen Newsletter-Anbieter. Ich bin von Googles Feedburner zu Mail Chimp umgezogen, weil Feedburner entweder nach jeder Artikelveröffentlichung eine E-Mail an alle Abonnenten schickt oder gar nicht. Bei bis zu vier Artikel wöchentlich hatten meine Feedburner-E-Mails zuletzt schon fast Spam-Charakter. Wer also ganz gepflegt wöchentlich über neue Artikel auf Geist und Gegenwart informiert werden will, sollte sich jetzt eintragen. Denn außer dass es funktioniert, sieht es auch noch super schön aus.

25. Januar 2012

Charakter, Temperament und Persönlichkeit

Psychologie ist ein Gebiet, bei dem wir alle gerne mitreden. Zu Recht, denn sie geht uns alle an. Jeder unserer Tage ist durchdrungen von psychischen Ereignissen wie von physischen. Die körperlichen Ereignisse wie die Verdauung, der Herzschlag oder das Niesen üben jedoch nicht solche Faszination auf uns aus. Sie scheinen leicht erklärlich, während die psychischen Ereignisse uns immer wieder vor Rätsel stellen.

Und auch der Umgang mit den psychischen Ereignissen scheint uns schwieriger. Es scheint uns unheimlich schwer zu sein, den Geist zu beeinflussen, unsere Stimmungen, Temperamente und Überzeugungen. Wir kommen natürlich später noch dazu, dass man körperliche Ereignisse gar nicht so simpel von psychischen trennen kann: Die Persönlichkeit ist die Organisationsebene des Individuums, wo sich Biologisches, Soziales und Psychisches treffen.

Aus dieser Faszination heraus, angefeuert durch die relativ einfache Verfügbarkeit von einschlägigen Informationen erklärt sich das große Interesse an diesen Themen. Bei aller scheinbaren Einfachheit, an Informationen zu kommen, lädt jedoch gerade das Internet dazu ein, sich mit Halbwissen zu begnügen. Will man tiefer in die Materie einsteigen, dann ist das schon wieder mit Recherche, also Arbeit verbunden. Etwas, das wir in aller Regel nicht in unserer Freizeit oder mal so zwischendurch im Büro vom Internet wollen. So geht es mir jedenfalls und oft muss ich mich disziplinieren, nicht dem Reiz der Oberfläche zu verfallen. So fiel mir kürzlich auf, dass ich fleißig über Persönlichkeit schreibe und dabei mit Wörtern wie Charakter und Temperament jongliere, ohne inne zu halten und die Beziehung dieser Konzepte untereinander zu klären.

Was ist Persönlichkeit?
Der Psychologe und Experte für Persönlichkeitsstörungen Theodore Millon beschreibt Persönlichkeit als Organisationsprinzip, das die basalen biologischen und die höheren sozialen Einflüsse zusammenführt. Alle biologischen Einflüsse auf die Persönlichkeit eines Menschen werden durch das sogenannte Temperament repräsentiert. Dazu zählen die neurologischen Gegebenheiten ebenso wie vererbte Merkmale. Alle sozialen oder organisatorischen Einflüsse auf die Persönlichkeit - also etwa über die Familie, die Kollegen oder die Gesellschaft insgesamt - werden Charakter genannt.
"Persönlichkeit repräsentiert die komplexe Interaktion von Charakter und Temperament, also die individuellen Ausprägungen aller Eigenschaften einer Person." (Theodore Millon, Personality Disorders in Modern Life, S. 9)


Die hier fehlenden Axen: I - Klinische Syndrome, V - Ganzheitliche Bewertung des Funktionierens

Verhältnis von Persönlichkeit und psychischen Erkrankungen
Warum ist der Begriff der Persönlichkeit in der Psychologie so wichtig? In meinem Artikel Schizoid - die Angst vor dem Ich-Verlust ging es um eine spezielle Persönlichkeitsstörung. Solche Störungen verringern unsere Möglichkeiten, mit störenden Einflüssen wie Stress, Verlust oder Ungewissheit umzugehen. Ausweichverhalten, soziale Konflikte und Krankheiten können die Folge sein. Theodore Millon vergleicht die Persönlichkeit mit einem Immunsystem:
"Robuste Immunsysteme bekämpfen mit Leichtigkeit die meisten infektiösen Organismen, während ein geschwächtes Immunsystem der Krankheit erliegt. Psychologische Erkrankungen können mit denselben Mustern erklärt werden. Hier ist es nun nicht das Immunsystem, sondern unsere Persönlichkeitsmuster - also Bewältigungsstrategien und Anpassungsfähigkeit -, die uns entweder konstruktiv mit unserem psychosozialen Umfeld umgehen lassen oder uns daran scheitern lassen. Auf diese Art betrachtet, sind Strukturen und Charakteristiken unserer Persönlichkeit die Grundlage für unser gesundes oder krankes Verhalten. Jeder Persönlichkeitsstil ist damit also auch ein Bewältigingsstil und Persönlichkeit ist eines der obersten organisierenden Prinzipien, durch die alle Psychopathologie verstanden werden sollte." (übersetzt nach Theodore Millon, Personality Disorders in Modern Life, S. 9)
Solche Persönlichkeitsstörungen existieren jedoch nicht als singuläre Phänomene, sie sind keine eigenständigen Krankheiten, denn Persönlichkeit reflektiert die zahlreichen interpersönlichen, kognitiven, psychodynamischen und biologischen Charakteristiken einer Person. Und alle diese Charakteristiken wirken zum Teil rückkoppelnd aufeinander und das Verhalten ein, weshalb Persönlichkeitsstörungen so komplex und schwer zu beschreiben sind. Die Störung und ihre Symptome sind nicht eindeutig verlinkt und Persönlichkeitsstörungen mithin schwer zu therapieren. Genau so wie die Schwächung des Immunsystems ist die Persönlichkeitsstörung selbst keine singuläre Krankheit.
"Genauso, wie wir über biologische Stabilisatoren verfügen, die störende physische Defekte korrigieren, so verfügen wir über psychologische Mechanismen, die unbewusste Ängste und Konflikte mildern können. Und genauso, wie biologische Schutzreaktionen des Körpers manchmal zerstörerischer sein können, als die ursprüngliche körperliche Beeinträchtigung, können die psychischen Korrekturmechanismen sich als störender erweisen, als die ursprüngliche Quelle der psychischen Schwierigkeit." (Millon, Masters of the Mind, 2004, S. 246)
Die Angst vor den Schubladen und Horoskope für Gebildete
Auch jenseits von Störungen, spricht man in der Persönlichkeitspsychologie von fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit (Big Five): Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit, Rigidität (Gewissenhaftigkeit). Diese fünf Faktoren haben sich als weitgehend unabhängig von unterschiedlichen Kulturkreisen erwiesen. Wir finden sie in verschiedenen Persönlichkeitstests und -typologien wieder. Wenn immer man über Persönlichkeitstypen spricht oder schreibt, wird man garantiert von einigen zu hören bekommen, dass man hier doch einfach Menschen in Schubladen stecke. Das könne man doch nicht machen, Menschen seien doch vielmehr als das und ließen sich darauf nicht reduzieren.

Natürlich! Es wäre geradezu hirnverbrannt, das Gegenteil zu behaupten. Persönlichkeitstypologien behaupten auch nicht, dass Menschen nicht noch viel mehr Dimensionen haben, sondern beschreiben die individuellen Unterschiede in einzelnen psychologischen Merkmalen und in den relativ überdauernden Persönlichkeitseigenschaften von verschiedenen Menschen. Das Faszinierende am Verständnis der eigenen Persönlichkeit (und ihren mehr oder weniger milden Störungen) ist, dass man die Probleme, die man im Umgang mit der Umwelt entwickelt, voraussagen und eventuell managen oder ihnen entgegen steuern kann. Das und die Suche nach Erklärungen, warum das eigene Leben ist, wie es ist, sind die Gründe dafür, dass viele Menschen gerne über Persönlichkeitstypen lesen. Sie hoffen sich in der einen oder anderen Beschreibung wieder zu erkennen und damit sich selbst besser zu verstehen. Man könnte auch sagen: Horoskope für Gebildete.


23. Januar 2012

Für ein Logo sterben? - Die Macht der Zeichen

Elisabeth Göhring von Marketing-Springer fragt, wie die Kraft ins Symbol kommt und was unsere kulturellen Werte damit zu tun haben. Schließlich: Wie arbeitet man mit konkurrierenden Werten in großen Organisationen wie internationalen Konzernen? 

Schlendern Sie mit mir durch das Stadtmuseum! In einem der Säle sind alte Fahnen ausgestellt. Es gibt da viele, viele Kombinationen von Farben, Mustern und Zeichen auf brüchigem, alten Stoff. Sie erkennen die Lilien der Bourbonen und die Leoparden Richards, des "englischen Löwen" sofort. Dazwischen finden Sie den Adler, farbige Rauten, Sterne und Streifen, Halbmonde und Sicheln. Wie belanglos doch dieses Durcheinander von Zeichen ohne Bedeutung auf Sie wirkt. Und trotzdem wissen Sie, dass wegen solcher Fahnen Blut geflossen ist.

Thomas Nasts "The Union Flag" Print (gefunden auf The Civil War)

21. Januar 2012

Frauen und Männer sind verschieden

Unser Autor Erich Feldmeier kommt mit sensationellen Neuigkeiten: Frauen und Männer sind verschieden. Also doch! Wir haben es irgendwie schon immer geahnt. Und nun?

Die Wissenschaft hat uns wieder einmal eine bahnbrechende Erkenntnis geliefert: Männer und Frauen sind verschieden. Das ist ja doll, mag die geneigte Leserin einwenden. Wenn man die Augen aufmacht, fällt das jedem noch so vertrottelten Deppen auf. Doch in diesem Fall lohnt es tatsächlich genauer hinzusehen.

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