29. Juni 2011

Teestunde - Lektion Standardeinstellungen Hirn

Heute habe ich mir einen Matcha Tee gemacht und mich mit ein paar Keksen an den Tisch gesetzt, um ganz in Ruhe einen Ausschnitt aus einer Rede von David Foster Wallace zu lesen (vielen Dank für den Tipp, Alex Rubenbauer).

Eine SchaleTee gegen die Standardeinstellungen des Hirns

Ich fing an zu lesen und zu knabbern und griff nach der Teeschale. Ich neigte meinen Kopf, hielt den Artikel in die Höhe, renkte mir fast die Augen aus. Egal, was ich tat, es war unmöglich, mit dieser blöden Schale vor dem Gesicht auch nur eine Zeile zu lesen. Mit meinem normalen Teeglas passierte mir das nie. Ich hatte jetzt richtigen Teedurst und ärgerte mich, bis ich begriff, was ich hier vor sich ging. Irgendwie hatte es mein Arbeitsalltag wieder einmal geschafft, mein Gehirn so zu programmieren, dass ich nicht mehr eine Sache nach der anderen machte, sondern alles gleichzeitig: Essen, trinken, lesen, denken. Also fügte ich mich in mein durch die Schale aufgegebenes Schicksal und las erst einen Abschnitt, nahm dann die Augen vom Text, griff die Teeschale und trank ganz ruhig ein paar Schluck. Dann las ich weiter. Ich entdeckte, dass ich erstens auf die Art den Tee viel bewusster genoss. Ich nahm die milchige Frische und das leicht Ozeanische viel stärker wahr als sonst, wenn ich nebenbei las. Zweitens gab mir die Pause vom Lesen die Gelegenheit, die Sätze, die ich gerade gelesen hatte, im Hirn nachklingen zu lassen. Wer weiß, ob ich ohne die Behinderung durch die Teeschale folgende Frage von Wallace überhaupt so gründlich gelesen, in Gedanken wiederholt und hinterher gründlich verstanden hätte:

Wie kannst du verhindern, dass du unreflektiert als Sklave deines Hirns und seiner Standardeinstellungen durch dein komfortables, erfolgreiches und anständiges Erwachsenenleben gehst, vollkommen allein, Tag ein Tag aus?

Großartig! Ich glaube, ich nehme jetzt öfter die Teeschale und lass das Glas im Schrank.

28. Juni 2011

Schüchtern und introvertiert? Gut so!

Heute früh las ich in der New York Times den Artikel Shyness: Evolutionary Tactic? von Susan Cain. An dieser Stelle: Dank an Thomas Bagusche für den Lektüre-Tipp. Kurz gesagt geht es in dem Artikel darum, dass eine erfolgreiche Population alle Sorten von Temperamenten braucht: risikofreudige und vorsichtige, tatkräftige und nachdenkliche, extrovertierte und introvertierte. Das scheint für Fische wie Menschen zu gelten und deckt sich auch mit unserer generellen Auffassung von Diversität als Überlebensvorteil einer Gruppe oder Art. Die Autorin hebt auch hervor, dass wir aufhören müssen, schüchterne und introvertierte Menschen als problematisch zu begreifen. Dies ist ein Punkt den ich ganz gerne unterstützen möchte...

Strategien für introvertierte Menschen

Wie können stille Menschen in einer lauten Welt überleben?

Fragen Sie sich auch manchmal, warum Sie sich unter vielen Menschen so unwohl fühlen? Warum Sie nach Hause kommen und das dringende Bedürfnis haben, die Tür zuzumachen und allein zu sein? Warum Sie in Meetings auf Arbeit nur dasitzen und den Mund nicht aufkriegen? Warum Sie so wenige Freunde haben? Warum Sie auf Partys so verloren dastehen und nicht wissen, was sie sagen sollen?


 Ein kurzes Interview dazu, wie stille Menschen im Job überleben

Sie sind OK!

Erst einmal: Sie sind völlig normal! Sie gehören zu den Menschen, die ihre Energie eher aus sich selbst beziehen und nicht aus der Interaktion mit anderen. Sie bevorzugen eine "minimal-stimulierende" Umwelt. Das ist gut so, kultivieren Sie das! Ihr Freundeskreis ist vielleicht klein, dafür sind es aber wirklich erlesene Menschen und nicht Hinz und Kunz. Für die kleinen Nachteile, die wir Individualisten manchmal haben, gibt es Strategien. Zum Beispiel die folgenden...

Dosierung

Hören Sie auf Ihren Körper und ziehen sie sich mit gutem Gewissen zurück, wenn Sie merken, dass Sie müde und erschöpft sind. Das ist völlig normal. Sie brauchen die Ruhe und Abgeschiedenheit. Gehen Sie irgendwo hin, wo Sie ungestört einen Tee oder Kaffee trinken können, blättern Sie in einem Buch oder Magazin und erholen Sie sich. Danach geht es Ihnen wieder gut und Sie ertragen die Menschen um Sie herum auch besser für den Rest des Tages.

Vorbereitung

Immer dasselbe, ob auf Partys oder im Meeting: Sie wissen nicht, was Sie sagen sollen. Stehen entweder nur unbequem und geniert in der Gegend rum oder sitzen zusammengesunken am runden Tisch. Was sollen Sie auch sagen? Der Small-Talk interessiert Sie nicht und was beim Meeting besprochen wird, ist doch sowieso schon vorher klar. Überraschen Sie sich selbst, indem Sie sich auf die Party vorbereiten, wenn Sie sie schon nicht meiden wollen oder können!

  • Überlegen Sie, wer die Leute sind, die zur Party kommen und was Sie an denen interessieren könnte. Legen Sie sich ein paar Fragen zurecht.
  • Und warum könnten Sie selbst interessant für die anderen sein? 
  • Haben Sie ein paar faszinierende Geschichten parat, die sie anderen erzählen können. Etwas aus Ihrem ersten Job vielleicht. Sie waren jung und brauchten das Geld.
  • Trinken Sie was, das enthemmt. Aber passen sie auf, dass es nicht zu viel hilft!

Dasselbe gilt für Meetings bei der Arbeit:
  • Was sind die Agenda-Punkte? 
  • Wer kommt und was wollen die? 
  • Was wollen Sie selbst erreichen? 
  • Lesen Sie ein paar relevante Artikel oder E-Mails zur Vorbereitung.
  • (Trinken Sie nur, wenn es unbedingt sein muss. Am besten aber erst nach der Arbeit.)

 

Einsamkeit

Machen Sie sich frei vom gesellschaftlichen Zwang der Zusammenrottung! Man redet ihnen ein, dass Sie einsam sind, nur weil Sie oft allein sind. In Wirklichkeit lieben Sie das Alleinsein, werden aber manchmal das Gefühl nicht los, dass Sie Freitag Abend - wenn alle anderen Party machen - nicht allein zu Hause sein sollten. Warum eigentlich nicht? Was verpassen Sie? Die anderen saufen und fühlen sich morgen schlecht, während Sie früh aufstehen können, in Ruhe lesen, morgendliche Fotos von Vögeln machen können oder was sie sonst so antreibt.

Losquatschen

Bei der Arbeit wie auf einer Party ist das beste Rezept manchmal, einfach über seinen Schatten zu springen und jemanden anzuquatschen. Einfach mal das sagen, was einem auf der Zunge liegt. Auch in Meetings. Reden Sie langsam und versuchen Sie bei einem Hauptpunkt zu bleiben, sonst verzetteln Sie sich. Hinterher sollten Sie nicht drüber nachdenken. Alles ist gut. Anders als wir befürchten, ruiniert es nicht sofort den Ruf, wenn das Gesagte nicht hundertprozentig durchdacht war. Jeder kann auch mal was Unüberlegtes zu sagen. Man hat eine Quota. Erst wenn man die überschreitet und ständig Blödsinn von sich gibt, halten die anderen einen für dumm.

Stärken nutzen

Wenn Sie wirklich introvertiert sind, haben Sie unter anderen folgende Stärken, die Sie nutzen sollten:
  • Enorme Beobachtungsgabe
  • Empathie und Menschenkenntnis
  • Schreiben und Lesen
  • Verlässlichkeit
  • Individualismus
  • Durchdacht
  • "No Bullshit"

Buch zum Thema
Ihre Mitmenschen sind beeindruckt von dem, was Sie alles mitkriegen. Sie beobachten ohne große Anstrengung, was anderen entgeht. Sie müssen es nur wissen und mitteilen, um es nutzen zu können. Gehen Sie nicht davon aus, dass alle anderen sehen, was Sie selbst sehen. Die Umwelt braucht Ihren Daten-Input. Ihre Mitmenschen lieben außerdem, dass Sie auch mal zuhören und nicht einer von denen sind, die sich selbst am liebsten reden hören. Spielen Sie das aus, suchen Sie sich Beschäftigungen, in denen es darauf ankommt. Werden Sie kein Versicherungsvertreter. Sie können auch gut akademisch arbeiten oder wo immer eine gute Schreibe verlangt ist. Es ist auch gut, dass Sie gerne als Eine-Frau- oder Ein-Mann-Team arbeiten, zwängen Sie sich nicht in Team-Situationen. Genießen Sie die Ruhe und Konzentration, die Ihnen hilft, die wirklich tollen Sachen zu machen, die Ihnen wichtig sind. Ob Sie es wissen oder nicht: Ihre Umwelt nimmt Sie als verlässlich und sehr durchdacht wahr. Außerdem können Sie auch Ernst machen, wenn es drauf ankommt. Nutzen Sie die Wahrnehmung der anderen, setzen Sie Ihre Stärken bewusst ein. Dadurch bleiben Sie sich selbst treu, fühlen sich gut in Ihrer Haut und bekommen die Sachen auf die Reihe, die Ihnen wirklich wichtig sind.

Was sind Ihre Strategien? Hinterlassen Sie einen Kommentar! Schreiben können Sie doch gut...


Das könnte Sie auch interessieren:

27. Juni 2011

Intelligenz des Flusses

River Narmada at Bheda Ghat Jabalpur, India.Ich will vom Fluss lernen und wie er stetig den Weg des geringsten Widerstandes nimmt. Fließt seinem Ziel entgegen, immer abwärts, mühelos und ohne den Versuch einer Umkehr. Ist dabei biegsam, flexibel, fast weich. Entwickelt eine Kraft, die jahrtausendealtes Granit formt, als sei es Butter. Und ist in seiner  Zielstrebigkeit nicht aufzuhalten. Findet seinen Weg, umfließt Hindernisse ohne Gewalt, einzig mit der Gravitationskraft, die unserer Erde innewohnt. Ich will werden wie der Fluss. Nicht mehr auf und ab, vor und zurück und mit dem Kopf gegen die Wand, gegen den Willen anderer oder ihrer Planung gemäß. Schluss. Jetzt nur noch nach Süden, unumkehrbar, mit der Intelligenz des Flusses.

25. Juni 2011

Gewohnheiten werden zu Zeremonien - von TV bis Tee

Gewohnheiten stehen in keinem guten Ruf. Das klingt nach Routine, nach immer demselben und wenig Spontanität. Und da ist natürlich etwas dran. Man muss aufpassen, dass man nicht vor lauter Routine immer dasselbe macht: Immer dasselbe Essen, dieselbe Musik, dieselben Fernseh-Shows etc. Dadurch verarmt man. Bleiben wir kurz bei den Fernseh-Shows, bevor wir weiter unten zu den wahren Zaubern des Alltags kommen...

23. Juni 2011

Erinnerung und Vergessen in der hyperthymestischen Gesellschaft

Haben wir verlernt zu vergessen?

Erinnerung und Vergessen sind beides lebensnotwendige Fähigkeiten, sie konstituieren unsere Persönlichkeiten, aus ihnen formen wir unsere Wirklichkeit. Das eine ist dabei so wichtig wie das andere. Das ist offensichtlich, wenn es ums Erinnern geht. Aber wer will schon vergessen?

forget about the sunshine when it's gone
Die Sonne vergessen, wenn sie untergegangen ist (Meg Wills via Flickr Lizenz CC)

Menschen, die unter dem hyperthymestische Syndrom leiden, können sich an beinahe jede Minute ihrer Vergangenheit erinnern und verbringen unproportional viel Zeit mit dem Nachdenken über die Ereignisse ihres Lebens. Sie können das nicht kontrolliert tun, das wäre vielleicht beneidenswert. Ihre Erinnerung drängt sich ihnen auf, sie sind ihr zwanghaft unterworfen. Die bekannteste Patientin Jill Price erinnert sich an jeden einzelnen Tag ihres Lebens bis zurück zu ihrem 15 Lebensjahr.

Fakten werden zur Geschichte

Das Vergessen von Schmerzen, die einem zugefügt wurden oder von schamvollen Momenten, die man sich selbst zuzuschreiben hat, aber auch von Ungerechtigkeiten und sogar Verbrechen, die einem angetan wurden, ist eine Voraussetzung für ein glückliches Leben und Zusammenleben. In der Familie, im Zusammenleben und unter Freunden müssen wir vergeben und vergessen. Zivilisierte Gesellschaften haben das Vergessen in ihre Rechtssysteme eingebaut. Straftaten verjähren, Lebenslänglich ist nicht gleich ein Leben lang. Dabei vergessen wir nicht streng genommen alle Fakten. Aber die emotionalen Färbungen verblassen, Fakten werden weicher und machen der Geschichte Platz. Wir werden milde im Alter, weil die Verletzungen vernarbt sind und die ehemals so eindeutigen Wahrheiten, die unseren Gerechtigkeitssinn in Feuer und Flamme gesetzt haben, werden relativiert. All das ist menschlich und gut.

Macht vergesslich sein glücklich?

Ich habe sogar den heimlichen Verdacht, dass vergessliche Menschen im Zweifel die glücklicheren sind. Mir wird schon immer von Freunden nachgesagt, dass ich vergesslich sei. Und wenn ich darüber nachdenke, dann fällt mir auf, dass ich ganz wenig in der Vergangenheit lebe. Ich denke wenig zurück an die schönen oder tragischen Momente. Ich bin auch nicht nachtragend und versöhne mich schnell. Die Frage ist nun, ob ich all das bin, weil ich vergesslich bin? Ich kann mir auch vorstellen, dass es anders herum ist: Da ich nicht so interessiert bin an dem, was war, übe ich das Erinnern auch nicht. Und was man nicht übt, verlernt man. Also macht vergesslich sein vielleicht nicht glücklich, sondern glücklich sein vergesslich?

Hyperthymestische Gesellschaft - Verlernen wir das Vergessen?

Erinnern ist gleich speichern plus wiederfinden. Das ist eine Operation, die wir als Menschheit immer besser machen. Von der Höhlenmalerei über das Singen von Liedern, das Schreiben von Büchern bis hin zum endlosen speichern und wiederfinden all der Information auf unseren Festplatten und im Internet - wir vergessen immer weniger und erinnern immer mehr. Ist das schlecht? Na ja - für einige Leute schon, z.B. wenn ihre Gesichter als die von Kriminellen für immer in irgendwelchen Bilderdatenbanken von besorgten Mitbürgern für alle auf ewig sichtbar gespeichert werden. Oder für die, deren peinliche Party-Eskapaden von anderen aufgenommen auf YouTube landen. Vor allem der Staat macht mit Aktionen wie Vorratsdatenspeicherung reichlich Gebrauch von der digitalen Speicherrevolution.

Auf der individuellen Ebene sehe ich kaum einen großen Unterschied zu vorher. Klar habe ich noch irgendwo alle meine E-Mails seit 1999. So wie meine Oma noch ihre alten Briefe hat. Aber ich lese sie nicht mehr, vielleicht habe ich nicht einmal mehr die Software, um meine Dateien alle auslesen zu können. Natürlich habe ich ca. 1 Million Fotos mehr als meine Eltern je in ihrem Leben angesammelt haben. Aber welche Bilder sehe ich mir denn hin und wieder an? Die, die ich mal ausgewählt habe und in ein Online-Album kopiert oder die, die ich mal ausgedruckt habe. Mit anderen Worten: Ich erinnere nicht mehr, als vor der digitalen Revolution. Denn ich speichere zwar, aber finde nichts wieder. Ich könnte jedoch, wenn ich wollte.

Für mich ist das ein Fortschritt, eine zusätzliche Wahlmöglichkeit. Von all dem Untergangsgesang beim Auftauchen neuer Techniken halte ich gar nichts. Das gab es schon immer. Auch das Buch wurde verteufelt und dann wurde es doch zum Sinnbild von Kultur und Intelligenz. Vielleicht ist es sogar anders herum und wir werden wieder vergesslicher, je weiter wir uns vom Buch entfernen. Als ich in den 80er Jahren zur Schule ging, mussten wir noch die John Maynard von Theodor Fontane auswendig lernen. Inzwischen lernen wir gar nichts mehr auswendig, weil wir es sowieso bei Bedarf an seinem Speicherort, den wir in der Hosentasche bei uns tragen, wieder finden. Statt Erinnern, wird das Finden zur neuen Kompetenz. Meine Hoffnung wäre, dass wir durch die neue Vergesslichkeit glücklicher werden.

Was meinen Sie?



Das dürfte Sie auch interessieren:

19. Juni 2011

Texte zum Minimalismus

Im Folgenden habe ich eine kleine Auswahl von Links zu Texten zum Minimalismus zusammengestellt. Vor allem, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Diese Auswahl ist nicht umfassend, reflektiert aber viele unterschiedliche Positionen.

Geist und Gegenwart
Über das Glücklichsein
Sieben Einsichten einer Philosophie der Ruhe und Gelassenheit
Downshifting - Legenden vom Kürzertreten
Zuflucht zu den inneren Wäldern
Mein unfreiwilliger Minimalismus
Wie man alles im Kopf behält
Zufriedenheit im individuellen und gesellschaftlichen Leben
Das Leben entrümpeln und frei durchatmen (auf Zeitzuleben.de)

Alex Rubenbauer
Minimalismus als Weg zum erfüllten Leben
Minimalist in 21 Tagen

Der rauhe Stein
Die innere Revolution und Minimalsimus

Finnsland
Downshifting

Goldgraberin
Frau Ding Dong´s Experimente

Mr. Minimalist:
Was ist Minimalismus?
Ich bin Maximalist

Oliver Peiss
Minimalismus ist tot, es lebe Minimalismus (offline)
Minimalist werden (offline)
5 Wege für mehr Fokus (offline)

Peter Hinzmann:
Minimalismus und kein Ende
Minimalismus als Mittel zum Zweck

Reduziert leben
Manuel reduziert

Thomas Bagusche (zen monkey - Übersetzungen von Leo Babauta)
Minimalistisch werden: Alle Infos, die Du im Blick haben solltest

Sicher gibt es noch viele andere tolle Texte zum Thema. Wenn ihr solche kennt oder geschrieben habt, dann hängt sie bitte mit Link über die Kommentarfunktion unten an.

18. Juni 2011

Eulen, Lerchen und Kaffee

"Wer immer vor 24 Uhr daran denkt,
ins Bett zu gehen, ist ein Schuft." 
Samuel Johnson

Schlaf ist einer meiner absoluten Lieblingszustände. Ich liebe mein Bett und ich liebe es, nach einem geistig und körperlich aktiven Tag richtig tot in die Kissen zu sinken. Wie die meisten Menschen in Deutschland gehöre ich zu den sogenannten gemäßigten Eulen, die üblicherweise zwischen 24 und 1 Uhr ins Bett gehen und zwischen 8 und 9 Uhr wieder aufwachen. Es gibt aber auch Extremtypen, die zwischen 5 und 13 Uhr am besten schlafen. Dummerweise richten sich unsere Arbeitszeiten kaum nach unseren biologischen Rhythmen. Und unsere Kinder noch viel weniger! Ich tu mir jetzt schon Leid, sollte es irgend wann mal soweit sein.

Folge deinem Körper ins Bett (Bild: Marina Alam via Flickr CC)

Kaffee?
Von 9 bis 18 Uhr ist eine übliche Arbeitszeit in meiner Branche. Wenn wir Glück haben, toleriert der Arbeitgeber auch 10 Uhr als Arbeitsbeginn. Wir können uns zwar mehr oder weniger anpassen, aber ändern können wir unseren Chronotyp nicht. Wenn wir über lange Zeit entgegen unserem Rhythmus arbeiten müssen, drohen allerlei psychische Krankheiten, aber auch Verdauungsprobleme, Diabetes, die üblichen Herz-Kreislaufprobleme und ironischerweise noch mehr Schlafstörungen. Den Arbeitgebern kommt all das auch überhaupt nicht zugute, ganz im Gegenteil: Unproduktivität zu unchristlichen Stunden, Krankheitsausfälle und schlechte Stimmung fördern nicht gerade die Ziele eines Unternehmens. Trotzdem gibt es nur zögerliche Anzeichen dafür, dass Betriebe den allzumenschlichen Notwendigkeiten ihrer Angestellten entgegenkommen. Zumindest bei den vielen Bürojobs gibt kaum einen guten Grund, warum Arbeit zwischen 9 und 17 Uhr besser sein soll, als zwischen 11 und 19 Uhr.


Ich zum Beispiel bräuchte irgendwann zwischen 15 Uhr und 17 Uhr ein dreizigminütiges Schläfchen. Mein Chef würde mich für verrückt erklären, wenn ich das samt einer Couch oder eines Sessels einfordern würde. Aber warum? Es ist doch nur meiner Produktivität förderlich, wenn ich frisch und ausgeruht zurück ans Werk gehe. In der Zeit, die ich jetzt zwischen 15 und 17 Uhr vor dem Rechner damit verbringe, krampfhaft meine Augen aufzusperren, ernten wir sicher nicht die süßesten und saftigsten Früchte meiner geistigen Aktivität. Kaffee? Wirklich - Ist Kaffee die beste Antwort, mit der ihr kommen konntet?

Und wann schlafen Sie am besten?



Lesen Sie auch: Die Nacht ist für Nerds, Autoren und andere Kreative

16. Juni 2011

Zufriedenheit im individuellen und gesellschaftlichen Leben

Eine Leserin stellte folgende Frage an mich: "Ist Zufriedenheit der Schlüssel zu einem glücklichen und erfüllten Leben? Und welche Eigenschaft ist am Menschen die wünschenswerteste, in Bezug auf den Menschen selbst und die Gesellschaft?"

Nachhaltiges Leben seit 1854: Thoreau's Cove in Massachusetts

Gefahr der Zufriedenheit
Zufriedenheit verstehe ich im Zusammenhang von Genügsamkeit und damit als Fähigkeit, mit dem im Leben auszukommen, was einem gegeben oder erreichbar scheint ohne dem ständigen Verlangen nach mehr ausgesetzt zu sein. Ein Schlüssel zu einem erfüllten Leben ist das alleine nicht. Solche Genügsamkeit birgt offensichtlich die Gefahr, dass man mit sich und seinem Leben zufrieden ist, obwohl man sein eigenes Potential noch nicht ausgelotet oder gar verwirklicht hat. Einwänden könnte man dagegen: "Was soll's? Wenn man damit zufrieden ist, dann ist es doch gut." Und das stimmt auch, wenn die Zufriedenheit eine selbstbestimmte ist und keine, die einem eingeredet wurde und die doch mit tieferen Wünschen der Psyche kollidiert. Im Guten wie im Schlechten sind wir hervorragend dazu in der Lage, uns etwas einzureden. Wenn ich heute zufrieden bin, dann heißt das nicht, dass ich nicht im Alter all die versäumten Chancen bereue. All die Länder nicht besucht, die Menschen nicht geliebt und die Herausforderungen nicht angenommen zu haben - solche späte Reue würde nicht auf ein erfülltes Leben hinweisen.

14. Juni 2011

Mein unfreiwilliger Minimalismus

"Frei steht noch großen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armut!"

Ich bin eigentlich kein Minimalist und kriege jetzt erst durch verschiedene Blogger mit, dass Minimalismus offenbar ein Trend ist. Das mag auch daran liegen, dass ich keinen Fernseher habe und so die meisten Trends verpasse. Fernseher kosten Zeit und damit bin ich geizig. Inzwischen werden Minimalisten ja schon in Welt der Wunder beim Privatfernsehen gezeigt! Das überrascht mich dann doch. Spätestens jetzt ist also Skepsis angesagt...

13. Juni 2011

Minimalismus als Weg zum erfüllten Leben


Jeder von uns ist auf der Suche nach dem "Glück". Leider verrennen sich viele dabei, indem sie ihr Glück in Äußerlichkeiten suchen, die aber nie ausreichen: "Erst, wenn ich genug Geld verdiene, bin ich glücklich. Erst, wenn ich den "richtigen" Partner gefunden habe, bin ich glücklich. Erst, wenn ich mein Traumauto fahre, bin ich glücklich."

Ein großer Baustein auf dem Weg zum Glück: Minimalismus
Indem wir unsere Leben vereinfachen und uns von unnötigem Ballast trennen - seien es Dinge, Verpflichtungen oder negative Beziehungen - schaffen wir mehr Raum in unserem Leben. Raum, den wir vor allem für uns selbst, aber auch für die Menschen, Dinge und Tätigkeiten, die uns wirklich wichtig sind, nutzen können.

9. Juni 2011

Hört überhaupt jemand zu?

Hörhilfen für eine Kultur des Zuhörens
Zuhören ist leichter gesagt als getan. Es klingt so, als müsste man nur dasitzen und sich berieseln lassen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Zuhören ist schwierig. Oft erfordert es eine Menge Energie, das Gesagte überhaupt zu verarbeiten und einiges an guten Willen, am Ball zu bleiben. Warum sind wir so schlechte Zuhörer? Wir lernen es nicht in der Schule, anders als z.B. lesen und schreiben. Außerdem hat der Sprecher bei uns die Macht. Er macht die Ansagen: "Hör mir gut zu!" Und: "Tu, was ich dir sage!" Wer zuhört, der dient. Und das kann wundervoll sein. Man nimmt eine bescheidende, aber mächtige und vor allem wahrnehmende Haltung ein.

Es ist unheimlich schwer, überhaupt zu verstehen, was der Gesprächspartner sagt. Oft ist man so auf seine eigenen Interessen im Gespräch konzentriert, dass man nur hört, was diesen Interessen zu dienen oder zuwiderlaufen zu scheint. Oder man ist einfach abgelenkt und ungeduldig, weil man sich lieber einer anderen Sache zuwenden würde. Oder man ist fast paranoid und interpretiert alles als Angriff, was der andere sagt. Oder man hat gerade gegessen, die Augen fallen einem zu und man kann sich kaum konzentrieren. Dabei ist das Zuhören der Schlüssel zur guten Kommunikation. Richtig zuhören verändert und verbessert jede Beziehung, ob auf der Arbeit oder zu Hause. Wenn man das Optimum aus einer Tätigkeit herausholen möchte, muss man sich auf sie konzentrieren. Das gilt auch fürs Zuhören. 

4. Juni 2011

Ist Kontrolle eine Illusion?

Wie unterscheiden uns nicht - Manfish von B.R. Guthrie
Alex Rubenbauer, der von mir sehr geschätzte Blogger des Minimalismus, hat einen Artikel von zenhabits.net mit dem Titel Kontrolle ist eine Illusion übersetzt. Der erste Satz lautet: "Sie täuschen sich, wenn Sie denken, dass alles in Ihrer Kontrolle liegt." Dem kann man bedenkenlos zustimmen, denke ich. Nicht nur das, sondern man muss sich diese Wahrheit auch öfter einmal vergegenwärtigen, damit man nicht komplett durchdreht. Im Originalartikel heißt es jedeoch "When you think you control something, you’re wrong": "Wenn Sie glauben, sie kontrollierten irgend etwas, täuschen Sie sich." Dieser Satz ist offensichtlicher Humbug.

Die Menschheitsgeschichte muss bei zenhabits als Beweis dafür herhalten, dass wir angeblich nichts planen und kontrollieren könnten: Rezession, Tsunamis, Erdbeben... Alles käme immer anders, als wir dächten, denn die Welt sei chaotisch und wir sollten das besser akzeptieren. Am Ende gipfelt das in der Empfehlung zu lernen, wie ein Fisch zu leben. Denn Fische ließen sich treiben und das bekäme ihnen ja wunderbar. "Tatsächlich unterscheiden wir uns kein bisschen von diesem Fisch, aber wir denken, dass wir diese Illusion von Kontrolle brauchen."

Mittens 10 Regeln des Erfolgs

Wie man zum Gewinner wird von Jessica Hagy

Heute las ich einen Artikel von Steve Mitten, einem sehr erfolgreichen und anerkannten Coach aus den USA. Der Artikel heißt übersetzt Die 10 Gewohnheiten von besonders erfolgreichen (und äußerst) glücklichen Menschen. Natürlich macht mich so ein Artikel erst einmal stutzig: "Meine 10 Erfolgsgeheimnisse" - heißen so nicht die schlimmsten Ratgeber auf der Bestsellerliste der Bunten? Kann man es wirklich auf 10 Prinzipien runterbrechen? Natürlich nicht und das sagt Mitten auch selbst. Und er fügt hinzu, dass er diese 10 Eigenschaften einfach häufig bei den erfolgreichen Leuten, die er coacht, beobachtet hat. Ich finde das ehrlich und neige generell solchen empirischen Ansätzen zu. An der Beobachtung ist erst einmal nichts "falsch". Auf die Interpretation kommt es an. Daher fragte ich mich auch, was es überhaupt heißen soll "erfolgreich und glücklich"? In welcher Hinsicht denn? Ich finde, dass kann und muss jeder selbst für sich entscheiden und wenn die 10 beobachteten Prinzipien jemandem dabei helfen, seinen wie auch immer definierten Erfolg zu finden, dann ist das nur gut. Also las ich die 10 Prinzipien und fand die meisten auch noch sympathisch und bedenkenswert, selbst wenn man nicht auf den schnöden weltlichen Erfolg aus ist. Neugierig? Hier sind Mittens 10 Regeln...

2. Juni 2011

Ist Arbeit plus Sinn gleich Stress?

In der ZEIT las ich eine Besprechung eines Buches, das die These aufstellt, dass ein durch Gruppenzwang hervorgerufener "Sinnstiftungszwang" im Beruf uns unter Stress setzt und letztlich unglücklich macht.

Wo treibt's mich als nächstes hin? (xkcd Comic

Seit ich in der Internet-Branche arbeite, fällt mir schon auf, unter welchem Druck wir als Mitarbeiter stehen. Da ist vor allem die klare Vorgabe, dass es nicht reicht, einfach nur seinen Job zu tun. Man muss ihn nicht nur von Quartal zu Quartal immer besser machen, man muss auch immer mehr davon machen und nebenbei noch Projekte betreuen, die "nice to have" sind. Solche Projekte sind also nicht unbedingt nötig, aber ein toller Ausweis von stetiger Weiterentwicklung und von Führungsqualitäten (Projektmanagement). Hat man eine Weile keine solcher Projekte gemacht, dann muss man sich schon schief ankucken lassen. Zeigt man auch nach einiger Zeit entsprechenden Feedbacks keine Ambitionen, dann kann es gut vorkommen, dass man "aus der Firma gemanagt" wird (managing out)...

1. Juni 2011

Schluss mit feige. Liebt, begrabt euch!

Mein Lieblingsautor Jonathan Franzen schrieb einen Artikel in der New York Times, in dem er zwischen der Welt des Mögens (world of liking) und der Welt der Liebe unterschied: Liking Is for Cowards. Go for what hurts. Franzen hat beobachtet, dass auf Facebook das Mögen von etwas - ursprünglich ein neurologischer Vorgang - in einen Klick verwandelt wurde, in eine wenig durchdachte oder von Gefühlen begleitete Geste, die wir mit der Computer-Maus hundertmal am Tag ausführen.

Die Dingseiten des Liebens

Das Mögen (die Dingseite des Liebens) ist steril und kommt ohne den Sumpf der Gefühle aus, in den wir uns begeben, wenn wir lieben. Denn jemanden lieben heißt auch, mit der eigenen Hässlichkeit umgehen zu müssen. Wir streiten, verletzen uns gegenseitig oder sind eifersüchtig. Mit all den polierten Gegenständen, die wir lieben - z.B. Autos, Schmuck oder iPhones - und den kleinen lustigen Beiträgen, aus denen sich unser Facebook-Leben zusammenzusetzen scheint, gehen wir eine risikolose, narzisstische Beziehung ein. Wir lieben den Spiegel und der Spiegel liebt uns zurück. Wer dazu ein "unheimlich schönes" Beispiel aus seiner eigenem Online-Existenz sehen will, sollte mal The Museum of Me ausprobieren.

Das Risiko der Zurückweisung der Liebe, des Verlustes der geliebten Person macht es so verführerisch, die Liebe gleich ganz zu meiden und statt dessen in einer Welt des Mögens von Gegenständen und Cyber-Freunden zu verharren. Die Zurückweisung und der Verlust bleiben hier erträglich. In der Liebe zu Fleisch und Blut zerstört der Verlust im Extremfall auch uns selbst. Mensch sein, heißt, dieses Risiko einzugehen.  iPhone und Facebook können die Liebe nicht ersetzen, so wenig wie uns Pornographie den Sex nicht ersetzen kann.

Franzen meint, der simple Fakt, dass wir sterben werden, sei der Grund für all unsere Wut und Verzweiflung. In einer Welt des Mögens von Dingen können wir uns betäuben und vor dieser Zumutung fliehen. Nur in der schön-schmutzigen Liebe stellen wir uns dem unausweichlichen Schmerz, denn Verlust oder Tod sind hier immer schon garantiert durch den anderen, den wir auf die eine oder andere Art verlieren werden. Allein in dieser Konfrontation mit dem Schmerz, mit der Wut, aber auch der Liebe, findet sich das wirkliche Leben. Ansonsten - so Franzen - ist man im schlimmsten Sinne des Wortes einfach ein Konsument.

In diesem Sinne: Liebt, streitet, vögelt, schreit, schlagt mit den Türen und begrabt euch gegenseitig. Alles immer noch besser, als eines Tages auf Facebook aufzuwachen, ohne je gelebt zu haben.